Vegane Raumausstattung + Neu-Veganerin: Interview mit Kerstin Roth

Ich war zu Besuch bei meiner Freundin Kerstin in Wuppertal. Sie ist Raumausstatterin und vegan. Ich habe sie für Euch in ihrer Werkstatt interviewed.  Und das nicht nur zum Thema Rausmaustattung/Polstern usw., sondern auch dazu warum sie sich für eine vegane Lebensweise entschieden hat, was ihre beiden Kinder (11 und 14) zum Umstieg sagen, was es Weihnachten zu essen gab, und wie sie ihren Freund und ihre Mutter gleich mitgerissen hat.

Die vegane Mami (stöbert in der Werkstatt herum):

Was ist das hier? Ist das Kunstleder?

Kerstin:

Das sind Reste aus echtem Leder aus meiner vor-veganen Zeit.

Die vegane Mami:

Jetzt bist Du erst vor kurzem vegan geworden. Da hängen ja noch die Lederreste oben, die ich gerade entdeckt habe. Wie gehst Du jetzt vor, wenn jemand ein Ledersofa neu bezogen haben möchte?

Kerstin:

Das ist mir ehrlich gesagt noch nicht passiert. Es kamen schon Leute wegen Leder und Kunstleder und ich habe mit Produktmerkmalen überzeugt, sich für ein Kunstleder zu entscheiden.

Die vegane Mami:

Du teilst dir ja die Werkstatt mit zwei Leuten. (im Hintergrund wird laut Holz geschliffen)

Kerstin:

Ja.

Die vegane Mami:

Wir sind heute nochmal in der Werkstatt. Denn letztes Mal waren die zwei anderen Werkstattleute hier, und es wurde Holz geschnitten, und es war zu laut. Wir machen es heute nochmal. Dafür sehen wir heute den Sessel, wie er schon fertig ist oder? Schick schick. Letztes Mal hatte Kerstin diesen Stoff hier zerschnitten und der Sessel war noch gar nicht bezogen.

Ja Kerstin, Du bist seit 4 Monaten vegan und hast Dich entschlossen, auch hier keine TierProdukte mehr zu verwenden. Da kommt ja einiges zusammen, was man als Raumausstatter so alles benutzen kann. Was ist das z.B.?

Kerstin:

Nicht mehr benutzen kann?

Die vegane Mami:

Genau.

Kerstin:

Man kann z.B. gar kein Leder mehr verarbeiten, keine Wolle, Wollstoffe oder Seide. Das sind so die Stoffe, die man nicht mehr verwenden kann. Es gibt aber auch Rosshaar-Stoffe, die man nicht mehr verwenden kann. Und es gibt auch Polster-Materialien, die man nicht mehr verwenden kann. Rosshaar z.B. oder Watte aus Wolle. Mh, was gibt es noch so?

Die vegane Mami:

Gibt es auch irgendwelche Leim-Arten?

Kerstin:

Ja Knochenleim, den hab ich aber in meinem ganzen Leben noch nicht verwendet, gibt es aber. Oder Schellack ist wahrscheinlich auch etwas, was man nicht mehr verwenden kann.

Die vegane Mami:

Wegen der Läuse.

Kerstin:

Wird hier von meinen Kollegen verarbeitet. Damit hab ich aber noch nie etwas gemacht. Ich mache sowieso nur wenig Holzarbeiten. Und alles, was ich mache, ist Schleifen. Und dann kommt so ein Öl drauf, ein Möbelöl, und das ist auf jeden Fall vegan.

Die vegane Mami:

Also Du polsterst vor allem?

Kerstin:

Ja ich polstere vor allem, und ich mache alle möglichen Näharbeiten. Ich kann auch Vorhänge nähen und Vorhangschienen montieren, und ich kann auch Teppichboden verlegen. Das mache ich allerdings nicht so gerne. Deshalb biete ich das jetzt nicht an. Das macht nur die Knie kaputt und ich mag es einfach nicht.

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Die vegane Mami:

Gibt es bei Polstern nicht auch Ziegenhaar und was weiss ich noch alles?

Kerstin:

Ja klar. Es gibt noch Mohair, also ganz viele Wollstoffe, Mohair, Ziege..

Die vegane Mami:

Gibt es extra vegane Hersteller, die ausschließlich vegane Stoffe anbieten?

Kerstin:

Könnte vielleicht sein, ich bin noch auf der Suche. Ich muss mich noch  mehr damit auseinandersetzen. Also Nachhaltigkeit ist ja schon länger mein Thema, und da habe ich schon geschaut, ob Sachen fair hergestellt werden und nicht in Kinderarbeit hergestellt werden. Und dass die Farben nicht irgendwo in der Natur entsorgt werden. Das ist schon immer etwas, wonach ich geguckt habe. Ich habe bisher aber auch nur einen Hersteller. Es ist nicht so einfach, das herauszufinden, habe ich bemerkt. Ich habe auch schon in Wuppertal ein Institut für Textilien angefragt und dann hiess es: „Ja, da müssen Sie mal auf unserer Internet-Seite gucken.“ Das war so die Antwort. Eigentlich müsste ich die Hersteller Durchtelefonieren, müsste nach Zertifikaten fragen.

Die vegane Mami:

Aber Kunstlederhersteller hast Du ja schon?

Kerstin:

Ja, habe ich.

Die vegane Mami:

Und bist Du auch zufrieden mit der Qualität?

Kerstin:

Ja mit der Qualität bin ich super zufrieden, nur weiss ich nicht genau, ob das vegan ist. Das Material ist natürlich nicht vom Tier, aber ich weiss nicht, was in der Herstellung noch so sein könnte.

Die vegane Mami:

Und hast Du jetzt schon mal jemandem etwas bezogen, der eigentlich Leder haben wollte?

Kerstin:

Ich hatte neulich jemanden, der wollte mehrere Stühle bezogen haben und hat gefragt, Leder oder Kunstleder. Ich habe ihn dann überzeugt, Kunstleder zu nehmen, denn erstens ist es günstiger in der Menge, es ist also eine Preisfrage und das ist immer ein gutes Argument, finde ich – und nicht nur für mich, auch für die meisten anderen – und ansonsten sind die auch belastbarer.

Es gibt Kunstleder für den Außenbereich, was man für Schiffe verarbeiten kann und was super strapazierfähig ist und allen möglichen Belastungen auch standhält. Und eigentlich gibt es kein Argument für Leder. Außer, ich will unbedingt etwas vom Tier. Dann wäre es ein Argument.

Die vegane Mami:

Und meinst Du, man merkt den Unterschied, wie es sich anfühlt oder aussieht oder ist es eigentlich gleich?

Kerstin:

Nicht immer. Es kommt auf das Produkt an. Also manchmal möchte man ja auch einen Kunstleder-Charakter.

Die vegane Mami:

Aber wenn jemand Leder wollen würde, würde er einen Unterschied merken?

Kerstin:

Also wenn jemand das wollte, könnte ich ihm mit Sicherheit etwas anbieten, und er würde keinen Unterschied merken.

Die vegane Mami:

Ach toll.

Kerstin:

Es gibt mittlerweile auch Kunstleder, die riechen wie echtes Leder. Also einem Laien könnte man auch immer, wenn man wollte, Kunstleder als Leder verkaufen.

Die vegane Mami:

Und es würde keiner merken?

Kerstin:

Man würde es nicht merken. Das ist natürlich Betrug. Das mache ich nicht.

Bei den Autos ist das auch Gang und Gebe. Wenn man denkt, das Auto wäre komplett Leder-ausgestattet, dann ist es oft nicht so. Die allermeisten Teile im Auto sind Kunstleder und nur ganz wenige sind echtes Leder. Selbst, wenn man eine Lederausstattung kauft.

Die vegane Mami:

Das ist ja eigentlich toll.

Kerstin:

Ja das ist toll. Die Menschen denken oft, nur, wenn es vom Tier ist, ist es ein gutes Produkt.

Die vegane Mami:

Und wie ist es jetzt mit Ziegenhaar und Schafsfell und Wollsachen? Sind da die Alternativ-Produkte auch austauschbar und qualitativ hochwertig oder gibt es irgendetwas, was man nicht so gut austauschen kann?

Kerstin:

Ich habe nicht zu allem das perfekte synthetische Produkt daneben zu liegen gehabt. Oft ist es ja eine Frage der Webweise. Mohair ist ja oft eine Velour-Geschichte, da hat man so stehendes Haar. Es ist oft eher eine Frage von Eigenschaften wie Feuchtigkeitsaufnahme oder bei Wollen, die rückfettend sind, das hat dann was mit Anschmutzung zu tun und vielleicht auch zu einem gewissen Grad mit Widerstandsfähigkeit. Wobei ich glaube, dass man das auch immer synthetisch ersetzen kann. Und wir reden ja hier von Wohntextilien. Ich kann im Winter verstehen, wenn Leute sagen: „Die Wolle hält mich aber total warm.“ Das brauche ich für Möbel nicht. Das sind so Argumente, die sind einfach Quatsch. Wenn ich sage, ich will eine tolle Feuchtigkeitsaufnahme, -abgabe, dann kann ich auch Leinen verwenden.

Ich werde natürlich mit Leinen keinen Wollcharakter schaffen, aber es gibt immer Synthetikfasern für ein Produkt, das sich wollig anfühlt, wollig aussieht oder einen matten Velour-Charakter hat. Das ist alles machbar. Keine Frage.

Das ist oft eine Prestigefrage, z.B.: Ich habe den tollen schönen Kaschmirpullover und der ist besonders teuer. Und dann hat man das Gefühl, man wäre aufgewertet, weil man sich ein Tier umhängt oder Pelz. Und so ist das mit Wohntextilien auch. Wobei ich das Gefühl habe, es ist rückläufig. Das wird nicht so oft gekauft.

Mohair ist z.B. etwas, was alte Menschen oft wollen, weil sie es auch kennen von früher. Dann hat man so den Mohair-Velour gehabt. Das ist aber auch nicht mehr modern. Es wird ganz selten nachgefragt. Ich habe auch keins im Angebot. Und das möchte ich ja auch nicht mehr.

Also zu den tierischen Fasern fällt mir noch ein, dass die, über die wir eben gesprochen haben, also dass es bei Seide wohl so ist, dass die Wildseide nämlich das einzige tierische Produkt ist, dass man guten Gewissens vegan nennen könnte. Weil die Seide gewonnen wird aus den Kokons von schon geschlüpften wild lebenden Raupen. Also die werden dafür nicht getötet, wie das sonst bei der Seidenherstellung der Fall ist.

Die vegane Mami:

Machen die das aus ethischen Gründen?

Kerstin:

Nein, weil die Raupe sich nicht züchten und einsperren lässt. Also der Schmetterling möchte nicht in Gefangenschaft leben, verweigert dann die Vermehrung. Deshalb passiert das so.

Die vegane Mami:

Und wie heisst diese Seide?

Kerstin:

Die heisst Tussahseide. Oder Wildseide nennt man sie auch. Dadurch, dass der Kokon ja kaputt gemacht wurde durch die Raupe beim Rausnagen und sich Befreien, sind es ganz viele kurze Fäden. Und das ist die Seide, die ganz viele Knötchen überall hat. Weil ganz viele kurze Fäden aneinander geknüpft werden und es beim Verweben dadurch unregelmäßiger ist.

Also die normale Seide, die glatte Seide, da werden die Kokons ja eingesammelt und die Raupen entweder mit heißem Wasserdampf oder Chemikalien getötet in dem Kokon, ganz schön ekelhaft, und dann wird das dann alles abgewickelt und das sind dann ca. 5000 m Seidenfaden, glaube ich, aus einem Kokon.

Die vegane Mami:

5 km?

Kerstin:

Ich glaube ja. Ich kann es gleich nochmal nachlesen. Später.

Und nur der mittlere Teil ist dann die hochwertige Seide, aus der man einen ganz feinen glatten Faden hat. Und alles was vorher und hinterher ist, ist alles noch unregelmäßig und so entstehen dann eben auch die Qualitäten. Jedenfalls fand ich das schon ekelig, als ich das gelernt habe und dachte: „Das will ich niemals verkaufen“, und da war ich noch nicht vegan.

Und bei Leder ist es so, wir haben einen Film geguckt, darüber, wie das hergestellt wird.

Die vegane Mami:

In der Ausbildung?

Kerstin:

In der Ausbildung. Wo die Felle dann eingeweicht werden in irgendwelchen Chemikalien. Und dann Menschen – also in der traditionellen Herstellung, heute ist das anders – die ganzen Haut- und Fleischreste mit riesen Messern abgeschabt haben.

Dann habe ich das zu Hause erzählt und musste ich mich erstmal übergeben. So ekelig fand ich das. Wirklich. Ernsthaft. Das will ich alles nicht mehr.

Und wusstest Du, dass man das klassische Fensterleder aus kleinen Rehkitzen macht?

Die vegane Mami:

Was ist denn Fensterleder?

Kerstin:

Kennst Du das nicht? Zum Fenster putzen.

Die vegane Mami:

Ach so.

Kerstin:

Das sind spezielle Lederlappen zum Fenster putzen.

Die vegane Mami:

Das ist Rehkitzhaut?

Kerstin:

Ja aus Rehkitzen, weil die besonders zarte Haut haben. Ekelhaft oder?

(Kerstin sieht sich Leder-Beispiele an) Also das hier ist noch echtes Leder. Ist das alles noch echtes Leder? Ich muss mal gucken.

Die vegane Mami:

Na Mensch, jetzt kannst Du selbst nicht mehr sehen, ob es echtes Leder ist oder nicht. Ist ja toll.

Kerstin:

(sie führt die Leder- und Kunstleder Stücke vor) Das ist Mikrofaser-Kunstleder. Das hier ist wahrscheinlich ein Kalb oder eine andere Kuh. Das ist auch echt. Und hier, guck mal, das ist Kunstleder. Das hat auch schon so eine Struktur. Das ist sehr ähnlich mit diesem. Das ist mit einem Antik-Charakter. Das ist eher eine Frage von Oberflächenbehandlung. Das ist eher grob und da sieht man, dass es nicht echt ist. Das hier sieht schon super echt aus. Also es gibt total viele tolle Kunstleder, mit denen man Leder imitieren kann. Keine Frage.

Die vegane Mami:

In einem veganen Schuhladen habe ich kürzlich Schuhe entdeckt und habe die angefasst und war völlig verblüfft: es war feinstes weiches Leder – es war ja ein veganer Schuhladen (AVESU) – es war ein Lederimitat, ich war völlig fassungslos. Da habe ich noch zur Verkäuferin gesagt: „Ich weiss gar nicht, ob ich das gut finde.“, denn dann sieht ja gar keiner, dass ich kein Leder trage. Dann laufe ich ja noch Werbung fürs Leder, obwohl es keins ist. Ja ich war sehr verblüfft.

Kerstin:

Da bin ich übrigens total interessiert an diesem Produkt. Also wer auch immer diese Schuhe macht, bitte schreibt mich an und teilt mir mit, wo Ihr das einkauft oder wer es herstellt. Da freue ich mich super drüber.

Die vegane Mami:

Wie kann man Dich denn überhaupt anschreiben?

Kerstin:

Also man kann mir eine E-mail schicken auf: info@stoffundhandwerk.de.

Die vegane Mami:

Gibt es auch eine Webseite?

Kerstin:

www.stoffundhandwerk.de Diese Seite ist noch in Arbeit und noch nicht online.

Und man kann mich natürlich auch besuchen in Wuppertal in meiner Werkstatt.

Die vegane Mami:

Und wenn man jetzt gerne etwas polstern, aufbereiten lassen möchte oder was auch immer Du alles anbietest? Wie geht das?

Kerstin:

Man kann mir ein E-mail schreiben, man kann mich anrufen, man kann vorbei kommen. Z.B. ein kleiner Stuhl, da bin ich natürlich froh, wenn man damit herkommt, damit ich ihn mir angucken kann oder man schickt mir ein Foto. Dann kann ich beraten und einen Preis sagen. Man kann sich hier bei mir einen Stoff aussuchen oder aber auch einen mitbringen. Alles kein Problem.

Und wenn es größere Sachen sind, komme ich nach Hause und nehme Maß und mache dann ein Angebot und dann kann ich Möbel abholen eventuell, oder man kann sie mir bringen. Da kommen wir schon zusammen.

Die vegane Mami:

Und wenn jetzt jemand, der nicht in Wuppertal wohnt, gerne seinen Stuhl bei Dir machen lassen möchte?

Kerstin:

Dann kann er ihn gerne bringen. Je nachdem, wie weit es ist. Also es kamen auch schon Leute von etwas weiter weg und haben ihre Sachen hergebracht. Also der Sessel hier kommt aus Köln.

Die vegane Mami:

Aber manchmal bist Du in Berlin?

Kerstin:

Ja manchmal bin ich in Berlin.

Die vegane Mami:

Da könntest Du……

Kerstin:

Ja da könnte ich natürlich etwas mitnehmen. Klar.

Die vegane Mami:

Du hast hier diese wundervolle Werkstatt entdeckt und arbeitest hier mit zwei Leuten zusammen. Der eine ist Tischler.

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Kerstin:

Die andere, die eigentlich die Werkstatt entdeckt hat, macht ganz schönes Wiener Geflecht. Diese feinen Flechtarbeiten, die man kennt von den Thonet-Stühlen. Du kannst es auch filmen, wenn Du dich einmal umdrehst. Da sind die Stühle, und da kann man sich schon ganz gut vorstellen, was das wird. Also das macht sie und sie restauriert auch alte Möbel. Entweder auf Bestellung oder sie verkauft auch Sachen.

Die vegane Mami:

Das einzige Manko ist, ich sehe schon, da kommt Dampf aus Deinem Mund, dass es sehr kalt hier ist. Deshalb gibt es hier diese Gasheizung. Lässt es sich damit aushalten?

Kerstin:

Es lässt sich aushalten. Wenn man selbständig arbeitet, kann man unter solchen Bedingungen arbeiten. Wenn ich jetzt angestellt wäre, würde ich überhaupt nicht zur Arbeit gehen, unter solchen Bedingungen, das muss ich sagen. Aber das ist ja hier unseres, und wir arbeiten hier alle selbständig, und daher halten wir es aus und durch. Und wenn man nicht gerade so faul herumsitzt, wie ich gerade, sondern in Bewegung ist, dann geht es auch.

Die vegane Mami:

Ich habe ja vorhin schon mal gesagt, dass Du erst seit 4 Monaten vegan bist. Wie kam es denn dazu?

Kerstin:

Ich hatte es schon einmal ausprobiert, aber unter anderen Aspekten, nicht aus Tierschutzaspekten, sondern gesundheitlichen Aspekten. Das habe ich mal einen Monat gemacht. So nach Attila Hildmann, zuckerfrei, weissmehlfrei. Es hat auch Spaß gemacht, aber es war auch anstrengend. Das ging einen Monat, und danach habe ich auch Ewigkeiten keine Milch mehr getrunken. Ich fand sie auch ekelhaft. Es kam dann aber auch nach und nach alles wieder.

Und dann war es ja auch schon immer über Dich schon ein Thema, dass ich mich damit beschäftigt habe, und dann hat es aber auch sehr lange gedauert, bis ich bereit war, mir die „volle Dröhnung“ zu geben. Das habe ich dann aber gemacht. Und bei einem Besuch in Berlin, da habe ich das Buch „Wie ich verlernte, Tiere zu essen“ gelesen. Und danach habe ich mir noch die vegane Broschüre „reingeknallt“ ( von pro-vegan.info) und dann habe ich erstmal geheult Ewigkeiten. Und seitdem ist alles, was vom Tier ist wie Stein, ich kann es nicht mehr essen. So ist das jetzt.

Die vegane Mami:

Also Du hast gleich 100% gemacht?

Kerstin:

Ja voll. Es ging gar nicht mehr, denn es hat mich völlig fertig gemacht und ich dachte: „Ich schäme mich für alles, was ich jemals von einem Tier gegessen habe.“ Und ich war fassungslos über mich und alle Menschen.

Und es hat bestimmt auch zwei Wochen angehalten, dass ich dachte: „Ok, ich  muss mich jetzt zusammenreissen, dass ich jetzt nicht alle, die noch Tiere konsumieren, einfach nur Scheisse finde.“ Und ich habe auch furchtbar schlecht geträumt, und es war einfach gruselig. Und irgendwann ging es dann.

Die vegane Mami:

Du hast Dich ja auch gleich vollkommen informiert, gleich auch über Mono- und Diglyceride usw. Was ist da alles weggefallen plötzlich?

Kerstin:

Fertigprodukte, die ich nicht mehr essen kann, aber vorher auch schon nicht häufig gegessen habe. Also ich habe dann vorher mal in so einem Anfall von Faulheit Tiefkühldinge – es war mir egal, ob es gesund war – oder Brötchen beim Discounter mal mitgenommen.

Ich lese schon lange fleissig Inhaltsstoffe von Produkten, weil ich nicht permanent Farbstoffe, Konservierungsstoffe essen will. Bei vielen Sachen wusste ich nicht, was es ist oder wo es herkommt, und dann habe ich es eben nachgelesen.

Es gibt hier in der Nähe nicht meinen tollen Lieblingsbiomarkt, wo ich mir mittags etwas kaufen kann, sondern es gibt einen Discounter. Und da kaufe ich mir manchmal ein Baguette, und dann habe ich mich durch die Zutaten gelesen. Bei manchen musste ich mit meinem Telefon erstmal gucken, was ist das alles. Und dann ist es z.B. E471 oder so. Was ist das? Und dann lese ich: Speisefettsäuren und Mono- und Diglyceride. Und das kann einen tierischen Ursprung haben, wenn nicht extra draufsteht, dass es pflanzlich ist. Und dann fällt es schon mal weg. Das einzige, was ich da jetzt kaufen kann, ist ein Baguette, von, ich glaube, 20 oder 25 aufgebackenen Produkten. Das ist das, was für mich übrig bleibt. Das kaufe ich dann manchmal und dazu Erdnussbutter und Erdbeermarmelade. Und dann bin ich in dem Discounter schon durch.

Die vegane Mami:

Hat Dich das am Anfang genervt? War das zeitaufwändig?

Kerstin:

Nein. Ich hab ja vorher auch schon immer mal geguckt, was so drin ist.

Also was mich in dem einen Monat, wo das so eine Gesundheitsgeschichte war, genervt hat, nervt mich gerade überhaupt nicht.

Die vegane Mami:

Was hat dich da genervt?

Kerstin:

Zu gucken, was kann ich jetzt essen, ist da Zucker drin, ist da Weizen drin usw. und das darf man nicht, weil es nicht dazu gehört.

Und jetzt ist es nicht „nicht dürfen“, sondern „ich will es auf keinen Fall haben“. Ich fände es total blöd, wenn ich es kaufen würde.

Und deshalb macht es mir gerade großen Spaß, durch die Gemüse- und Obstabteilung zu gucken, Rezepte zu lesen und was kann ich jetzt machen und welche Möglichkeiten eröffnen sich jetzt. Und ich denke, hurra, was für tolle Sachen, die ich sonst bestimmt nie gegessen oder probiert hätte, und sie sind jetzt Teil meiner Ernährung. Find ich cool.

Die vegane Mami:

Bei mir war das auch so. Mir hat das Kochen erst Spaß gemacht, seitdem ich vegan bin. Du hast ja schon vorher gerne gekocht.

Kerstin:

Ja ich habe vorher schon gerne gekocht. Aber so macht es mir nochmal mehr Spaß.

Die vegane Mami:

Und Du hast ja zwei Kinder, 14 und 11. Wie fanden die das so?

Kerstin:

Die konnten das schon verstehen, dass ich das mache. Mein Sohn, der jüngere, fand das am Anfang auch ganz cool, und der macht das auch mit. Und ich wohne ja in einer Wohngemeinschaft, und da gibt es noch einen Jungen, ungefähr das gleiche Alter, und die waren anfangs Feuer und Flamme. Das hielt so zwei Wochen, und dann sind sie wieder eingebrochen. Und die haben erzählt, dass das z.B. auch in der Schule blöd war. Also erstmal gibt es kein veganes Mittagessen. Mein Sohn und meine Tochter essen in der Schule. Es gibt keine vegane Variante.

Die vegane Mami:

Aber vegetarisch?

Kerstin:

Vegetarisch gibt es. Vegan aber nicht. Und der Sohn meiner Mitbewohnerin erzählte, dass er schon schief angeguckt wurde. Und ich glaube, er hatte auch einfach keine Lust mehr darauf. Und mein Sohn auch nicht mehr.

Wir kochen zu Hause fast immer vegan. Außer neulich. Da habe ich Käsespätzle gemacht, weil er es sich so sehr gewünscht hatte für sein Zeugnis. Und dann habe ich das gekocht. Meine Mitbewohnerin ist auch nicht vegan. Aber wenn wir zusammen essen und kochen, wird meistens vegan gekocht oder es gibt eine Alternative.

Die vegane Mami:

Ich wohne ja gerade bei Euch. Alle lieben Tofu, würde ich sagen.

Kerstin:

Ja alle stehen voll auf Tofu. Das stimmt. Ja.

Die vegane Mami:

Und Dein Freund und Deine Mutter, die sind ja plötzlich auch vegan. Wie hat das denn geklappt?

Kerstin:

Ja mein Freund fand das alles ganz spannend am Anfang, und die finden das vor allem vom Gesundheitsaspekt ganz gut. Sie haben jetzt auch nicht irgendwelche Bücher gelesen und sich moralisch überzeugen lassen, sondern glauben, dass es wirklich die gesündere Ernährung ist. Also mein Freund sagt: „Ok, ich probier das jetzt mal aus.“, und so ein bisschen will er mich auch unterstützen und findet das auch gut. Ich finde das auch total nett.

Und ich habe das auch überhaupt nicht eingefordert oder versucht, jemanden moralisch unter Druck zu setzen. Das ist mir ganz schön schwer gefallen, muss ich gestehen.

Und meine Mutter setzt sich auch schon sehr lange mit Ernährung auseinander und ist immer noch auf der Suche nach der perfekten für sie gesundheitlich optimalen Ernährung. Sie möchte gerne gesund alt werden und nicht krank. Das möchte ich auch nicht. Und ich würde mich auch sehr freuen, wenn meine Kinder irgendwann vegan sind. Ich kann es nicht aufzwingen. Das funktioniert nicht. Bei meiner Tochter sowieso überhaupt nicht. Sie ist jetzt 14 und vielleicht aus Prinzip macht sie es schon nicht mit. Ich bin mir noch nicht so sicher.

Die vegane Mami:

Obwohl Deine Tochter letztes Jahr diesen einen Monat vegan machen wollte.

Kerstin:

Ja das war ja so für die Figur.

Und meine Mutter liest auch immer gerne total viel, und der habe ich die „China Study“ gegeben, so um die Weihnachtszeit. Also Weihnachten hatten wir noch ein Weihnachtsessen, das überwiegend vegan war.

Die vegane Mami:

Was heisst noch? Schon!

Da warst Du ja gerade vegan und da hattet Ihr schon ein veganes Weihnachtsessen.

Kerstin:

Ja es war auch total nett. Also es gab natürlich, wie jedes Jahr, eine Diskussion um das Weihnachtsessen und diesmal halt ein bisschen  mehr, weil mehr weg gefallen ist, sozusagen für andere. Es war aber alles vegan, außer es gab noch so ein bisschen Gänsefleisch für die, die unbedingr Fleisch essen wollten.

Die vegane Mami:

Und was habt Ihr gegessen?

Kerstin:

Wir haben einen Nuss-Gemüse-Braten gegessen und alles andere an Beilagen war sowieso vegan. Süßkartoffelpürree, Maronen mit Datteln und Rotkohl, und dann gab es noch Rohkost-Torte hinterher, und vorher gab es Gemüsesuppe mit veganen Grießklößchen. Das hatte meine Mutter gemacht.

Die vegane Mami:

Toll.

Kerstin:

Das war super. Fand ich auch ganz schön cool von meiner Familie, dass sie das sofort für mich auch schön gemacht haben. Und ich nicht mit meinem kleinen Extra-Essen… also so kam ich mir nicht so ausgeschlossen vor. Es war eher so, dass alle, die Fleisch gegessen haben, vor allem der Erwachsene, ein bißchen ein schlechtes Gewissen hatte und das Gefühl hatte, dass es ihm ein wenig verdorben wurde. Und dann hatte der gar nicht mehr so viel Lust auf das Fleisch am nächsten Tag. Ich fand das halt ganz cool.

Jedenfalls habe ich meiner Mutter die China Study mitgebracht und die hat sie relativ schnell gelesen. Und seitdem ist auch für sie vegan die bessere Ernährung.

Die vegane Mami:

Ihr wohnt ja zu sechst. Vier Kinder und zwei Erwachsene. Ist es ein preislicher Unterschied, vegan zu kochen für alle?

Kerstin:

Nein das Kochen nicht. Also was so ein bisschen ins Geld geht, ist dieser unglaubliche Tofu-Konsum. Wir essen wirklich gerne Tofu, Räuchertofu vor allem. Und natürlich ist der teuerste auch der leckerste (Taifun).

Da wir uns ansonsten nicht andauernd von Cashewmus ernähren, ist alles ok. Wir essen auch nicht alle vegan. Ich glaube, wenn wir alle jetzt immer am liebsten Haselnussmilch trinken würden, dann wäre es schon teuer.

Die vegane Mami:

Na gut. Es essen ja auch nicht alle Tieresser den ganzen Tag Hummer. Es gibt natürlich immer teure Produkte.

Kerstin:

Genau. Die gibt es ja immer. Also ich habe nicht das Gefühl, dass es mehr kostet. Eher im Gegenteil. Wenn ich jetzt Nudeln mit Tomatensauce esse, dann muss ich nicht den teuren Parmesankäse kaufen.

Die vegane Mami:

Ach ja. Stimmt. Also essen günstiger, Kunstleder günstiger. Ach nee Essen nicht günstiger, aber ungefähr gleich.

Kerstin:

Aber teilweise schon.

Die vegane Mami:

Gibt es noch irgendetwas, was Du noch sagen willst?

Kerstin:

Also wer unentschlossen ist, soll gerne dieses schöne Buch lesen von Marsili Cronberg „Wie ich verlernte, Tier zu essen“.

Die vegane Mami:

Ja das hast Du bei mir aus dem Regal gefischt.

Kerstin:

Ja das habe ich. Ich hatte gewartet, bis Du Johanna ins Bett bringst und es hat mich irgendwie angesprochen. Es war auch lustig geschrieben und nicht so krass wissenschaftlich und auch nicht mit erhobenem Zeigefinger. Es hat Spaß gemacht, war total nett. Und ich würde auch gerne noch 1000 andere Bücher lesen und mir das Buch über die Milch („Milch besser nicht“), also das würde ich total gerne lesen.

Ich muss eigentlich gar nicht, denn ich muss mich nicht überzeugen, aber ich würde gerne mehr wissen.

Die vegane Mami:

Ich finde, man liest die Sachen dann auch, um es zu wissen, um die Argumente zu haben, also um es anderen besser erklären zu können.

Also man kann Dich erreichen unter info@stoffundhandwerk.de.

Und bald gibt es auch einen Internet-Auftritt. Der heisst dann auch www.stoffundhandwerk.de.

Vielen Dank Kerstin.

Kerstin:

Vielen Dank Anja. 

Die vegane Mami:

(filmt den fertigen Sessel) So sieht der schöne Sessel dann fertig aus. Wundervoll. Und vorher hatte der diesen okkafarbenen Stoff drauf. Diesen 70er-Jahre-Stoff.

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